Geschwister in der Pflege
"Meine Geschwister melden sich nur, wenn sie etwas brauchen. Die ganze Pflege bleibt an mir hängen, und niemand dankt es mir."
Dieser Satz fällt in meiner Arbeit als Seelsorgerin immer wieder. Die Pflege der Eltern ist für viele Familien eine der größten emotionalen und organisatorischen Herausforderungen. Und oft genug ist es ein einziges Geschwisterteil, das die Hauptlast trägt, während die anderen aus der Ferne zusehen, Ratschläge geben oder sich ganz zurückziehen.
Das führt zu Erschöpfung, Wut, Enttäuschung und tiefen familiären Konflikten. Gemeinsam mit Bozena Attig von Gesundheit Attig möchte ich zeigen: Es gibt Wege, wie Familien faire Lösungen finden können.
Warum meist nur ein Geschwisterteil die Pflege übernimmt
In den meisten Familien gibt es unausgesprochene Rollenverteilungen, die sich über Jahrzehnte entwickelt haben. Oft ist es:
- Die Tochter (in 80% der Fälle)
- Das Geschwisterteil, das räumlich am nächsten wohnt
- Wer schon immer die „Kümmerer-Rolle" hatte
- Wer beruflich am flexibelsten ist, oder nicht „Nein" sagen kann
📊 Statistik: Laut Studien übernimmt in 70-80% der Fälle eine einzelne Person die Hauptverantwortung in der häuslichen Pflege, meist eine Tochter oder Schwiegertochter.
Das Problem: Diese Rollenverteilung geschieht oft stillschweigend, ohne klare Absprachen, ohne Anerkennung, ohne faire Verteilung.
💬 Typische Aussagen:
"Du wohnst ja eh in der Nähe."
"Ich habe doch Familie und einen Vollzeitjob."
"Mama will das nur von dir."
"Ich wüsste gar nicht, wie das geht."
Was dahintersteckt: Oft ist es Überforderung, Verdrängung oder die Unfähigkeit, sich der Realität zu stellen. Aber für den pflegenden Geschwisterteil fühlt es sich an wie Gleichgültigkeit und Egoismus.
Die emotionale Belastung, wenn Wut und Erschöpfung zusammenkommen
😔 Für den pflegenden Geschwisterteil
- Gefühl der Ungerechtigkeit
- Wut auf die Geschwister
- Erschöpfung und Überlastung
- Einsamkeit: „Niemand versteht es"
- Schuldgefühle: „Ich mache nie genug"
- Neid auf das „freie Leben" der anderen
🤷 Für die nicht-pflegenden Geschwister
- Schlechtes Gewissen (oft verdrängt)
- Hilflosigkeit: „Ich weiß nicht, wie"
- Angst vor Überforderung
- Verdrängung: „So schlimm ist es nicht"
- Rechtfertigung: „Ich habe auch viel zu tun"
- Vermeidung von Konflikten
⚠️ Warnsignal: Wenn Sie als pflegende/r Angehörige/r Gedanken haben wie „Die wissen gar nicht, wie es mir geht" oder „Ich mache das alles alleine", ist es höchste Zeit für ein Familiengespräch.
💙 Aus der Seelsorge-Praxis:
"In meiner Arbeit erlebe ich oft: Die pflegenden Geschwister sind nicht nur erschöpft, sie sind verletzt. Es geht nicht nur um die praktische Belastung, sondern um das Gefühl, im Stich gelassen zu werden. Das muss ausgesprochen werden, sonst frisst es sich fest." , Melanie Zick
Familienmuster verstehen, die systemische Perspektive
Systemische Familiendynamik
Bozena Attig, Heilpraktikerin & Systemischer Coach
Aus systemischer Sicht sind Pflegekonflikte oft alte Familienmuster, die in der Pflegesituation wieder aktiviert werden. Die Rollen, die Geschwister in der Kindheit hatten, zeigen sich oft auch in der Pflege:
- „Das brave Kind" wird zur pflegenden Tochter
- „Das erfolgreiche Kind" zahlt lieber, als selbst zu pflegen
- „Das rebellische Kind" entzieht sich der Verantwortung
Im systemischen Coaching schauen wir: Welche Rolle habe ich in meiner Familie? Und: Muss ich diese Rolle weiterhin übernehmen?
🔍 Systemische Fragen zur Selbstreflexion:
- Warum habe ich diese Rolle übernommen?
- Was würde passieren, wenn ich „Nein" sage?
- Welche Erwartungen gibt es an mich, und von wem?
- Was brauche ich, um die Last zu teilen?
- Welche alten Muster wiederholen sich hier?
Das Familiengespräch, wie Sie faire Lösungen finden
Ein klärendes Gespräch ist oft der erste Schritt zu einer gerechteren Verteilung. Aber: Es braucht Vorbereitung.
📋 Vorbereitung auf das Gespräch
1. Konkrete Aufgaben auflisten
Schreiben Sie auf, was Sie alles tun:
- Arztbesuche begleiten
- Einkäufe erledigen
- Medikamente richten
- Haushalt unterstützen
- Telefonate mit Krankenkasse, Pflegedienst
- Emotionale Unterstützung
- Nachts erreichbar sein
2. Zeitaufwand dokumentieren
Führen Sie 1-2 Wochen lang eine Liste: Wie viele Stunden investieren Sie pro Woche? Das macht die Belastung sichtbar.
3. Klare Ziele formulieren
Was möchten Sie erreichen?
- Konkrete Aufgaben abgeben?
- Finanzielle Unterstützung?
- Regelmäßige Entlastung?
- Mehr Wertschätzung und Kommunikation?
💬 Das Gespräch selbst
✅ So führen Sie das Gespräch konstruktiv:
- Neutraler Ort: Nicht im Elternhaus, sondern neutral (Café, Park)
- Feste Zeit: 1-2 Stunden einplanen, ohne Zeitdruck
- Ich-Botschaften: „Ich fühle mich überlastet" statt „Ihr helft nie"
- Konkrete Beispiele: Keine Vorwürfe, sondern Fakten
- Lösungen entwickeln: Nicht nur Probleme benennen, sondern gemeinsam Lösungen suchen
❌ Vermeiden Sie:
- Vorwürfe: „Du hast dich nie gekümmert!"
- Vergleiche: „Ich mache alles, und du nichts!"
- Vergangenheit ausgraben: „Schon als Kinder warst du..."
- Ultimaten: „Entweder ihr helft, oder ich mache nichts mehr!"
💡 Gesprächseinstieg (Beispiel):
"Mir geht es nicht gut. Ich bin erschöpft und brauche eure Unterstützung. Ich habe aufgeschrieben, was alles zu tun ist. Lasst uns gemeinsam überlegen, wie wir das besser aufteilen können. Ich möchte nicht, dass unsere Familie daran zerbricht."
Faire Aufgabenteilung, verschiedene Wege, beizutragen
Nicht jeder kann gleich viel pflegen, aber jeder kann auf seine Weise beitragen.
🏃 Praktische Pflege
- Arztbesuche begleiten
- Einkäufe übernehmen
- Haushalt unterstützen
- Körperpflege
- Nachts ansprechbar sein
📋 Organisation
- Telefonate mit Behörden
- Pflegegrad beantragen
- Hilfsmittel organisieren
- Termine koordinieren
- Abrechnungen klären
💰 Finanzielle Unterstützung
- Pflegedienst mitfinanzieren
- Haushaltshilfe bezahlen
- Fahrtkosten übernehmen
- Urlaub für pflegende/n finanzieren
- Hilfsmittel kaufen
💡 Tipp: Aufgaben-Rotation
Geschwister, die weit weg wohnen, können z.B. alle 4 Wochen für ein verlängertes Wochenende übernehmen, so hat der Hauptpflegende regelmäßig Entlastung.
Wenn Gespräche scheitern, Mediation und externe Hilfe
Manchmal sind die Fronten so verhärtet, dass ein klärendes Gespräch alleine nicht ausreicht. Dann ist externe Unterstützung sinnvoll.
🤝 Familienmediation
Ein neutraler Mediator hilft, festgefahrene Konflikte zu lösen. Vorteil: Alle werden gehört, niemand wird bevorzugt.
Was bringt Mediation?
- Neutrale Moderation des Gesprächs
- Klärung von Missverständnissen
- Entwicklung konkreter Lösungen
- Schriftliche Vereinbarungen
- Nachhaltige Konfliktlösung
💚 Systemisches Coaching für die pflegende Person
Coaching als Unterstützung
Bozena Attig, Gesundheit Attig
Manchmal ändern sich die Geschwister nicht, aber Sie können sich ändern. Im systemischen Coaching schauen wir:
- Wie kann ich Grenzen setzen?
- Wie kann ich mich abgrenzen, ohne die Familie zu verlieren?
- Welche Muster kann ich durchbrechen?
- Wie hole ich mir Unterstützung außerhalb der Familie?
- Wie sorge ich für mich selbst?
🙏 Seelsorge für emotionale Entlastung
Ein geschützter Raum
Melanie Zick, Pflegehilfe Hameln
In der Seelsorge können Sie aussprechen, was Sie belastet, ohne Bewertung, ohne Ratschläge. Manchmal braucht es einfach jemanden, der zuhört und versteht. Wut, Enttäuschung, Trauer, all das darf sein.
Praktische Hilfen, wenn die Familie nicht hilft
Wenn Geschwister sich nicht einbringen, müssen Sie externe Unterstützung organisieren. Die Pflegeleistungen stehen dem pflegebedürftigen Elternteil zu und können für professionelle Hilfe genutzt werden. Und: Geschwister können sich auch finanziell an zusätzlichen Kosten beteiligen.
💰 Finanzielle Unterstützung nutzen
| Leistung | Was ist das? | Höhe |
|---|---|---|
| Entlastungsbetrag | Für Haushaltshilfe, Betreuung, Alltagsunterstützung | 131 €/Monat |
| Verhinderungs- & Kurzzeitpflege | Wenn Sie im Urlaub/krank sind oder vorübergehende vollstationäre Pflege | Bis 3.539 €/Jahr (kombiniert) |
| Pflegegeld | Monatliche Zahlung bei häuslicher Pflege | 347-990 €/Monat |
💡 Wichtig: Diese Leistungen stehen dem Pflegebedürftigen zu, nicht dem pflegenden Angehörigen. Aber: Sie können genutzt werden, um professionelle Unterstützung zu organisieren und Sie als Pflegende/n zu entlasten. Das Pflegegeld kann auch an Sie weitergegeben werden, wenn Sie die Pflege übernehmen.
🏢 Externe Dienstleister
- Ambulante Pflegedienste, für medizinische Pflege
- Betreuungsdienste (§ 45a), für Alltagsbegleitung
- Haushaltshilfen, für Putzen, Einkaufen
- Tagespflege, Betreuung tagsüber
- Nachtpflege, Entlastung nachts
Selbstschutz, Sie müssen nicht alles alleine schaffen
⚠️ Warnsignale für Überlastung:
- Chronische Erschöpfung
- Schlafstörungen
- Gereiztheit und Wut
- Rückzug von Freunden
- Vernachlässigung eigener Gesundheit
- Gedanken wie „Ich kann nicht mehr"
💚 Selbstfürsorge-Strategien:
- Grenzen setzen: Sie dürfen „Nein" sagen
- Pausen einplanen: Regelmäßige Auszeiten sind keine Schwäche
- Unterstützung annehmen: Von Pflegediensten, Freunden, Nachbarn
- Eigene Interessen pflegen: Hobbys, Sport, Freunde
- Professionelle Hilfe holen: Seelsorge, Coaching, Therapie
💙 Aus der Seelsorge-Praxis:
"Ich sage meinen Klient:innen immer: Sie haben die Erlaubnis, für sich zu sorgen. Sie haben die Erlaubnis, Hilfe anzunehmen. Sie haben die Erlaubnis, auch mal wütend auf Ihre Geschwister zu sein. Und Sie haben die Erlaubnis, professionelle Unterstützung zu holen, auch wenn die Familie das nicht versteht." , Melanie Zick
Ein Ritual für Sie, Kraft zu schöpfen, Das „Tägliche Rückkehr-zu-mir"-Ritual
Pflegende Angehörige leisten enorm viel, oft still, ohne Pause. Ein festes, bewusstes Ritual kann helfen, Kraft zu schöpfen, sich innerlich zu stabilisieren und nicht selbst zu verschwinden.
Hier ist ein besonders bewährtes und leicht umsetzbares Ritual, das viele als stärkend erleben:
Das „Tägliche Rückkehr-zu-mir"-Ritual (10 Minuten)
Bozena Attig, Gesundheit Attig
📅 Feste Zeit wählen
Wählen Sie jeden Tag die gleiche Zeit (z.B. abends, wenn es ruhiger wird). Regelmäßigkeit gibt dem Nervensystem Sicherheit.
🕯️ Ein sichtbares Signal
Zünden Sie eine Kerze an oder halten Sie eine Tasse Tee in den Händen. Das signalisiert: Jetzt bin ich dran.
📝 Mini-Reflexion (max. 3 Minuten)
Schriftlich oder mündlich nach einem anstrengenden Tag oder einer Woche:
- Was war heute schwer? (ein Satz reicht)
- Was habe ich trotzdem geschafft?
- Was brauche ich morgen ein kleines bisschen mehr?
💡 Warum dieses Ritual wirkt:
Dieses Ritual hilft Ihnen, nicht im Alltag zu verschwinden. Es schafft einen kurzen, aber kraftvollen Moment der Selbstwahrnehmung, der Ihr inneres Gleichgewicht stärkt.
Salutogenese, Was hält uns gesund in belastenden Situationen?
Persönliche Widerstandsressourcen aktivieren
Melanie Zick, Pflegehilfe Hameln
Das Konzept der Salutogenese (entwickelt von Aaron Antonovsky) fragt nicht „Was macht uns krank?", sondern „Was hält uns gesund?"
In der Pflege bedeutet das: Jeder pflegende Angehörige ist individuell. Was dem einen hilft, belastet den anderen. Entscheidend sind Ihre persönlichen Widerstandsressourcen:
- Verstehbarkeit: Kann ich die Situation einordnen?
- Handhabbarkeit: Habe ich Mittel und Wege, damit umzugehen?
- Sinnhaftigkeit: Erlebe ich mein Handeln als bedeutsam?
Wenn Sie das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren, ist es wichtig, diese drei Säulen zu stärken.
Das Belastungs-Beanspruchungs-Modell
Das Belastungs-Beanspruchungs-Modell erklärt: Die gleiche Belastung (z.B. nächtliches Aufstehen) kann bei verschiedenen Menschen völlig unterschiedliche Beanspruchung auslösen.
Beispiel:
Person A hat ein gutes soziales Netzwerk, schläft tagsüber nach und erlebt die Situation als anstrengend, aber machbar.
Person B ist isoliert, bekommt keine Pausen und entwickelt Erschöpfungssymptome.
Gleiche Belastung, unterschiedliche Beanspruchung.
Deshalb ist es so wichtig: Schauen Sie auf Ihre individuellen Ressourcen. Was brauchen Sie, um gesund zu bleiben?
💚 Reflexionsfragen:
- Was gibt mir Kraft? (Menschen, Orte, Tätigkeiten)
- Was raubt mir Energie? (Und kann ich das reduzieren?)
- Welche Ressourcen habe ich noch nicht genutzt?
- Wo brauche ich dringend Entlastung?
Fazit: Faire Lösungen sind möglich
Von Melanie: Die Pflege der Eltern muss nicht zur Zerreißprobe werden. Mit klarer Kommunikation, fairer Aufgabenteilung und der Bereitschaft, externe Hilfe anzunehmen, können Familien Lösungen finden, die alle entlasten. Und wenn Geschwister sich nicht bewegen: Es gibt Wege, wie Sie sich selbst schützen können.
Von Bozena: Aus systemischer Sicht: Alte Familienmuster lassen sich durchbrechen. Sie müssen nicht die Rolle übernehmen, die Ihnen als Kind zugeschrieben wurde. Coaching hilft Ihnen, Ihre Grenzen zu finden und zu wahren, auch wenn das bedeutet, dass sich die Beziehung zu Ihren Geschwistern verändert.
💙 Wir sind für Sie da. Wenn Sie Unterstützung bei Familienkonflikten, Überlastung oder dem Wunsch nach Veränderung suchen, sprechen Sie uns an. Gemeinsam finden wir Wege.
Anlaufstellen und Unterstützung
📍 Mediation & Beratung
- Familienmediation (über Jugendämter, Beratungsstellen)
- Pflegeberatung (Pflegestützpunkte)
- Caritas / Diakonie
- VdK (Sozialverband)
💚 Coaching & Seelsorge
- Pflegehilfe Hameln (Melanie Zick)
- Gesundheit Attig (Bozena Attig)
- Systemische Beratungsstellen
- Kirchliche Seelsorge
🆘 In akuten Krisen
Telefonseelsorge, kostenlos, anonym, 24 Stunden:
0800 111 0 111
oder 0800 111 0 222
Veröffentlicht am 17. Januar 2026 von Pflegehilfe Hameln & Gesundheit Attig · ⬅ Zurück zur Blog-Übersicht